Kategorie: Verwurzelt – Mal tief-, mal freiliegend

Beeren

Wenn das Laub fehlt, kannst du Beeren
endlich einmal leuchten sehn.
Auch können Vögel sich ernähren
und einfach auf den Zweigen stehn.

Wie im Schlaraffenland die Tauben
gebraten in die Kehlen fliegen,
ist hier für Vögel kaum zu glauben,
wie leicht sie ihre Nahrung kriegen.

Andererseits ist auch die Größe
von Beeren ja nicht ganz egal.
Kürbisse sind zu große Klöße,
sie zu verspeisen auf ein Mal.

Und auch Bananen, die zu Beeren
zählen, was nicht jeder weiß,
sind importiert, uns zu ernähren.
Die Umwelt zahlt dafür den Preis.

Binsenweisheit

Binsenweisheiten sind banal.
Sie sagen nur, was jeder weiß.
Und dennoch sind sie nicht egal.
Weisheit hat immer ihren Preis.

Wenn du eine Binse siehst,
weißt du, der Untergrund wird nasser,
weil sie die Feuchtigkeit genießt,
und immer Nähe sucht zum Wasser.

Sie ähneln Schittlauch, wie im Bild,
doch wär’n sie eher zäh zum Essen.
Sie sind mit weißem Mark gefüllt,
und den Geschmack kannst du vergessen.

Die Binsenweisheit sagt dir: lass
sie einfach stehen. Hier wird’s nass.

Borke

Experten können gleich erkennen,
welche Borke man hier sieht.
Doch muss man nicht den Namen nennen,
um zu sehn, was dort geschieht.

Die alte Borke platzt in Stücken
auseinander, formt so Riefen,
die weiter auseinanderrücken
und Täler bilden in den Tiefen.

Ein jeder Baum nach seiner Art
zeigt die Borken-Eigenheiten,
mal einfacher, mal sehr apart,
je nach Dickenwachstums Zeiten.

Man kennt die Buchen und die Birken,
doch borkig wird Zuordnung schwer.
Da lässt man die Experten wirken,
die wissen einfach immer mehr.

Blutbuchen

Keine Angst, hier tropft nicht gleich das Blut.
In ihren Adern fließt der Pflanzensaft natürlich.
Man sieht jedoch die rote Farbe gut,
Anthocyane produziert übergebührlich.

Wenn Licht durch diese roten Blätter scheint,
erkennt man, dass der Farbstoff ausgebreitet
im ganzen Blatt, in Adern nicht vereint,
wozu der Name irrtümlich verleitet.

Dass man den roten Farbstoff sonst nicht sieht,
liegt an der Menge Chlorophyll im Blatt.
Das allerdings sorgt fleißig, dass geschieht,
was Fotosynthese stets zu schaffen hat.

Ohne die ausgefeilten Mechanismen der Synthese
gäb es das Leben für uns Menschen nicht.
Das Wunder, das wir sind in der Genese,
verdanken wir den Pflanzen und dem Licht.

Der Fotograf

Was der Fotograf festhalten möchte,
fasst er überhaupt nicht mit den Händen an.
Er nimmt das Teleobjektiv, das rechte,
und zoomt das Wunschobjekt ganz nah heran.

Dazu muss er freilich vielerlei bedenken.
Die Tiefenschärfe wird fein eingestellt.
So will er des Betrachters Augen lenken
auf just den Fokus, der ihm jetzt gefällt.

Die Perspektive, das Objekt zu binden,
ist außerdem bei weitem nicht egal.
Es soll sich in natürlicher Umgebung finden.
Der Fotograf verbiegt sich also gern einmal.

Als nächstes werden Licht und Schatten
ins Große Ganze komponiert,
mal die krassen, mal die matten,
bewusst gestaltet und platziert.

Und wenn das alles nicht genug,
hilft der Computer mit Betrug.

Die hohe Kante

Man kann vom Überfluss was auf die Kante legen,
hier an der Steilküste geht sowas nicht.
Der Meeresspiegel wird sich nicht hoch bewegen,
viel eher bröckelt von der Kante das Gewicht.

Warum sollte man auch ausgerechnet auf die Kante
die angesammelten Reserven packen?
Die Kante droht doch stets vorm Ende, wenn brisante
Geldgeschäfte führen dazu, ganz abzusacken.

An einem Rettungsschirm kommt dann geflogen
was von der hohen Kante runter schwebt.
Doch scheint dies Bild unscharf und auch verlogen,
weil keiner weiß, wie man in Zukunft lebt.

Gratwanderungen sind halt stets gefährlich,
was morgen schon passiert ist ungewiss.
Die Konsequenz daraus ist, sein wir ehrlich,
im Jetzt zu leben. Vorsicht vor Beschiss!

Dicke Tropfen

Lässt man dem Wasser Zeit zu frieren,
können sich dicke Tropfen bilden,
die kleine Kolben suggerieren
mit tütenähnlichen Gebilden.

Ansonsten ist die Tropfengröße
von Natur aus eher klein.
Die Flüssigkeit gibt sich die Blöße,
von Haltekraft begrenzt zu sein.

Wird ein Tropfen mal zu schwer,
platscht er auf die Erde,
denn die Schwerkraft zieht ihn mehr,
als dass er größer werde.

Die Regentropfen im Verband
spüren wir als Fäden,
einzelne Tropfen unerkannt,
stören sie doch jeden.

Doch keine Raupe

Dies könnte eine Raupe sein,
doch hätten dann die Blätter Löcher.
Meist kommen Raupen nicht allein,
und fressen immer mehr und frecher.

Andererseits sind Raupen Meister
im Tarnen, das nennt man Mimese.
Da täuscht Natur uns immer dreister.
Achtung bei der Raupenlese!

Vielleicht lohnt es sich doch zu warten,
was aus der Raupe dann entsteht.
Doch wann sie sich verpuppt zum Starten
als Schmetterling ist eher spät.

Bis dahin hast du längst vergessen,
was sie als Raupen aufgefressen.

Einer blieb dran

Trotz Frost und Blätterfall und Wind
blieb noch ein Apfel hängen.
Da sieht man mal, wie zäh sie sind,
die Stiele, auch beim Drängen.

Beim Menschen nennt man’s oft Starrsinn,
wenn einer festhält an dem Alten.
Doch Traditionen immerhin
heißen auch, Altes zu behalten.

Ein bisschen Widerstand zu wahren,
wenn die Winde schneller blasen,
wenn stets moderneres Gebaren
uns zwingt, flott hinterherzurasen,…

… scheint sinnvoll. Weil man innehält,
und wartet, bis der Apfel fällt.

Ein schwarzes Schaf

Jede Familie hat ein schwarzes Schaf,
heißt es, doch ist es nicht bewiesen.
Hier aber ist ein kleines, das ich traf,
mit seiner stark geschornen Mutter auf den Wiesen.

In jedem Fall sind schwarze Schafe selten,
was ein Betrachter dann sofort wahrnimmt.
So ist es eben unter Gleichgestellten,
deren Menge Konformität bestimmt.

Das schwarze Schaf hat es nicht selbst verschuldet,
dass es so anders ist als alle andern Schafe.
In seiner Herde wird’s nicht nur geduldet,
es wird geliebt, geachtet, keiner denkt an Strafe.

Das Schwarze muss nicht immer böse sein
Es kann auch einfach nur bezeugen,
dass das, was anders ist ganz allgemein,
wir einfach deutlich kritischer beäugen.