Zierlich

Die Natur kann es sich leisten,
die Strukturen anzulegen,
die zerbrechlich bei dem meisten
was wir so zu bauen pflegen.

Filigranes Werk kann brechen,
wenn Zusammenwirken fehlt.
Es wird sich im Ergebnis rächen,
wenn man falsche Binder wählt.

Einzelteile müssen stimmig
zueinander passend stehn,
sonst agiert der Bauherr grimmig.
Nur Natur ist immer schön.

Wild bewegt

Von starken Winden angetrieben
wird Wasser aufbrausend bewegt,
wenn Wellenberge sich hoch schieben
und Gischt von ihren Kämmen fegt.

Salzige Tröpfchen wirbeln weiter
und benetzen Haut und Boot.
Für die Haut ist Salz nicht heiter,
auch dem Boot tut Waschen Not.

Je salziger das Meer, je leichter
trägt es – das merkt man wenn man schwimmt.
Sicherer bleibst du da, wo’s seichter,
dass Strömung dich nicht mit sich nimmt.

Weinberge

Die Mosel ist berühmt durch Wein,
der an den steilen Hängen reift.
Besondre Note liefert Stein
mit Mineral, das Wein aufgreift.

Mühsam müssen Winzer klettern,
damit sie Stock um Stock erreichen,
ohne Chance, bei allen Wettern,
der steten Arbeit auszuweichen.

Zum Glück gibt’s vielerlei Geräte
im Einsatz für das teure Nass.
Und alles, was dem Wein gut täte,
landet später dann im Fass.

Was weiß der Himmel?

Ein Schlag aufs Auge zeigt dir Sterne,
die nur im Kopfe blinken.
Für alle sichtbar aus der Ferne
viel Tausende uns winken.

Das Licht, das sie zur Erde schicken,
braucht etliche Äonen,
bis wir endlich sie erblicken,
wie sie am Himmel thronen.

Mit Teleskopen können wir
tief in das Weltall schauen,
und uns an dessen Wundern hier
in unsrer Zeit erbauen.

Versehen

Aus Versehen kann es mal passieren,
dass man beim Kirschenessen einen Kern erwischt.
Sollte man dabei ein Stück Zahn verlieren,
sind nicht nur die Gefühle arg gemischt.

Beim Obstsalat empfiehlt es sich zu testen,
bevor man zubeißt, ob er frei von Steinen,
und welche Früchte sich am besten
geschmacklich abgerundet wohl vereinen.

Wenn nicht gut Kirschenessen ist, muss man halt nehmen
was sich ohne Gefahr lässt verspeisen.
Der kluge Mensch wird sich dazu bequemen,
mit Vor- und Nachsicht seine Umsicht zu beweisen.

Verschwommen

Nicht nur Bilder sind verschwommen,
fixe Vorstellungen auch,
dass wir so Eindruck bekommen,
sie kämen eher aus dem Bauch.

Kopfarbeit trägt zum Gelingen
großer Pläne freilich bei.
Doch nebenbei vor allen Dingen
macht Gefühl den Kopf uns frei.

Seit Menschen denken sind die Triebe,
die uns ungesteuert lenken,
das einzige was uns noch bliebe,
wenn Menschen handeln und nicht denken.

Verschoben

Was einem Künstler nicht gelingt,
wird knirschend oft entsorgt,
was andern aber Freude bringt,
gerettet und geborgt.

In schmale Streifen wild zerlegt,
versetzt, verklebt, geschoben,
das Resultat Staunen erregt.
Man kann es nun doch loben.

Moral:
Bei hohem Anspruch nur noch Reste,
für niederen reicht’s für das Beste.

Verschlungen

Wem dieses Kunstwerk ist gelungen,
bleibt mir leider unbekannt.
Dabei hätt’ ich ungezwungen
den Künstlernamen hier genannt.

Abstrakt erscheinen hier umschlungen
zwei Menschen, die sich wohl geliebt.
Ganz vom Hauch der Luft durchdrungen,
die die Liebenden umgibt.

Das Lied der Liebe wird gesungen,
die schützend ihre Arme legt,
und weiter lebt, wenn’s Lied verklungen,
und still die Herzen noch bewegt.

Verkrustet

Der Nachteil bleibt an dem Verkrusten,
dass Formen immer starrer werden.
Was wir natürlich immer wussten:
es versteift auch die Gebärden.

Die Sprache ist da doch genauer,
sie ist flexibel, passt sich an.
Wer Sprachen kennt, der handelt schlauer,
wenn er andre verstehen kann.

Doch scheint Verkrustung auch in Köpfen
für Unvereinbarkeit zu sorgen.
Trennt man sich nicht von alten Zöpfen,
bleiben Strukturen heut wie morgen.

Verdeckt

Durch die Tapete ganz versteckt
tritt Malerei zutage,
die dunkelbraun mit Weiß verdeckt.
Wie wertvoll? ist die Frage.

Wohl kaum von einem alten Meister,
sonst hätt’ man nicht gewagt,
zu pinseln mit Tapeterkleister,
womöglich ungefragt.

Nun lüftet sich der alte Schatz,
man könnt’ sich dran erlaben.
Doch zeigt sich, er ist nicht Ersatz
für Bilder, die wir haben.